Neue Erkenntnisse, Schuldgefühle… eine neue Sicht der Welt

Den folgenden Text hab ich in einem Moment geschrieben, als ich ziemlich fertig wegen dieser Thematik war. Er war eher für mich gedacht, um meine Gedanken festzuhalten und ich wusste nicht, ob ich ihn veröffentlichen sollte.

Ich habe inzwischen einige neue Erkenntnisse gewonnen… Dinge, die ich vorher zwar schon wusste, doch mir nie 100%ig klar waren.

Ich durfte die starke soziale Ungleichheit kennenlernen. Wochentags arbeite ich mit Kindern zusammen, die geschlagen werden, mit vierzehn Jahren schwanger sind oder von ihrem Lehrer vergewaltigt werden. Der danach nicht einmal bestraft wird, da er den Richter bezahlt… Und am Wochenende fuhr ich oft mit der sozialen Oberschicht an die Strände im Süden, wo die Partys am coolsten sind, jeder ein Haus 20m vom Strand entfernt besitzt und die Bediensteten die Zimmer putzen und Essen kochen.

Besonders jedoch die Geschichten der Venezolaner haben mich tief schockiert. Auch das hört man immer… anders ist es jedoch, wenn eine Person des Vertrauens dir von seinem Leben erzählt und dir der Mund offen stehen bleibt.

In Deutschland wissen wir gar nicht, wie gut es uns eigentlich geht. Natürlich, das sagt man immer so, aber versteht es gar nicht richtig.

Die meisten von uns wachsen behütet auf, gehen in den Kindergarten, in die Grund- und dann auf die weiterführende Schule, was vollkommen selbstverständlich ist.

Wir beschweren uns, wenn wir uns mit unseren Eltern streiten, weil sie uns eine Partyreise nach Spanien nicht erlauben, können aber immer nach Holland, Österreich, Italien etc reisen, brauchen dafür nicht einmal einen Reisepass…

Wir haben beinahe unbegrenzte Möglichkeiten, können studieren, was wir wollen, dort leben, wo wir wollen, wir lernen Englisch seit der Grundschule und brauchen nicht einmal dafür zu bezahlen. Wir bekommen Kindergeld, Arbeitslosengeld, Rente…

Und trotzdem beschwert man sich über Kleinigkeiten, weiß nichts mit seinem Leben anzufangen…weil die Möglichkeiten eben zu viele sind!

Ich brauchte wirklich die Zeit hier, um mir unserer Privilegiertheit bewusst zu werden. Auch vorher wusste ich es schon, doch es gab Momente, in denen ich vollkommen sprachlos war, mich unendlich schuldig gefühlt habe, weil es Menschen gibt, die diese Möglichkeiten ebenso, sogar mehr, verdienen.

Kinder, die mit 11 Jahren von zu Hause rausgeworfen werden, sich selber versorgen, Essen und Kleidung kaufen müssen. Die schnell umziehen müssen, weil der beste Freund ermordet wurde und die feindliche Bande auch hinter ihnen her sind. Mehr schlecht als recht eine Bildung erfahren und trotzdem hart arbeiten, um in der Universität angenommen zu werden. Die dann als eine der besten angenommen werden, als jedoch die Wirtschaft des Landes leider den Bach runtergeht und der Uni keine Materialien oder Professoren lässt. Als sich die Möglichkeit bietet, lassen sie ihre Familie und alles Bekannte zurück, um in einem anderen Land eine Arbeit zu suchen… nur einen Reisepass können sie aufgrund der politischen Situation nicht bekommen.

Es ist schwierig zu akzeptieren, dass etwas für uns so Einfaches wie einen Reisepass beantragen für andere Menschen komplett unmöglich ist.

Ich konnte und kann es immer noch nicht akzeptieren.

Wie können die Möglichkeiten so unterschiedlich sein, nur weil der eine in Venezuela, der andere in Deutschland geboren ist? Es ist komplett egal, wie hart er arbeitet, er wird nie seinen Reisepass bekommen!

Wir in Deutschland mit unseren unbegrenzten Möglichkeiten sind es diesen Menschen schuldig, diese zumindest gut zu nutzen. Wir sind es denen schuldig, die nicht diese Chancen haben, die unseren anzuerkennen und wertzuschätzen, nicht für selbstverständlich hinzunehmen, sondern zu sehen, dass wir privilegiert sind.

Wir sollten versuchen, mit den Kräften, die wir haben, die Möglichkeiten der anderen zu verbessern, denen zu helfen, die im Leben vorankommen möchten.

Es macht mich nun wirklich wütend, an die Leute in Deutschland zu denken, die sich über wirkliche Kleinigkeiten beschweren.

Du findest, das Abitur ist hart? Du darfst jeden Tag zur Schule gehen, in Klassenräume ausgestattet mit Computern, Beamern etc, darfst jeden Tag etwas Neues lernen, mit den Materialen, die der Staat dir zu Verfügung stellt. Anstatt dich zu beschweren, dass du lernen musst, sei dankbar, dass du lernen darfst!

Du beschwerst dich, dass bestimmtes Essen dir nicht schmeckt? Wirfst es vielleicht sogar weg? Du musstest halt noch nie Hunger leiden, weil deine Eltern dich rausgeworfen haben und du dir dein Geld auf der Straße verdienen musstest. Danach schmeckt dir alles…

Du beschwerst dich, dass das Geld nicht zum Dachdecken ausreicht? Wenigstens hast du ein Dach, der Wind pfeift nicht durch alles Ecken, du frierst im Winter nicht, weil du eine Heizung hast…

Es macht mich ehrlich so wütend, an die Jugendlichen zu denken, die faul in der Schule sitzen und keine Hausaufgaben machen. Sie haben es so gut und sollten das wertschätzen. Unsere Probleme sind nichts im Vergleich zu den Hindernissen, die andere Menschen überwinden müssen.

Wir haben diese Privilegien nun mal, da können wir nichts gegen tun. Doch wir schulden es diesen Menschen, unsere Möglichkeiten wertzuschätzen und: so gut wir können auszuschöpfen!

Ich danke euch, wenn ihr bis hier unten gelesen habt. Es war mir wichtig, meine Gedanken zu teilen!

Bis demnächst,

Linda


Ein Gedanke zu “Neue Erkenntnisse, Schuldgefühle… eine neue Sicht der Welt

  1. Liebe Linda,

    du hast so recht! Deine ach so wahren wertvollen Gedanken zeigen, dass du sehr viel Tiefgehendes, Kostbares während deines Peru-Aufenthaltes gelernt hast!
    Ich danke dir für deine Worte, stelle sie mir als Leitartikel in der ZEIT vor!
    Ich werde sie vielleicht meinen Teenager-Schülern vorlesen…

    Bleib aufrichtig und dankbar in deinen letzten Wochen in Peru!

    Ganz herzliche Grüße,
    Angelika

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s