Niemand mag Abschiede…

Nun ist das Jahr schon um! Gestern Mittag bin ich wohlbehalten nach einem sehr entspannenden Flug in Frankfurt angekommen…

Im Behindertenzentrum hatten wir uns schon vor zwei Wochen bei einer kleinen Feier mit kurzen Abschiedsworten, Musik, Tanz und drei Torten verabschiedet.

Ich kann nicht glauben, wie schnell diese fast 12 Monate vorbeigeflogen sind. Ob es an den vielen neuen Erlebnissen, Erfahrungen und Erkenntnissen lag oder ob die Zeit mit dem Älterwerden einfach schneller vorbeigeht – ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, dass dieses Jahr das bisher schönste meines Lebens war. Ich habe so viel gelernt – vor allem über mich selber, konnte mich selber besser kennenlernen und neue Blickwinkel erlangen. Durfte lernen, dass man manchmal einfach ins kalte Wasser geworfen werden muss; und dass man es am Ende doch schafft, obwohl man es vorher nie von sich gedacht hätte. Ich zum Beispiel hatte nie geplant, mit geistig oder körperlich behinderten Menschen zu arbeiten. Das war etwas, was ich stets in meine Projektwahl ausgeschlossen hatte. Als mein Projekt in Costa Rica dann gecancelt wurde und ich nach Lima kam, wurde ich mehr oder weniger von meine Mitfreiwilligen überredet, mir doch das Carrigan einmal anzuschauen.

Und erschreckt habe ich mich! Ich schaute mir die verschiedenen salons an, sah fast erwachsene Jungen, die aus dem Nichts aufsprangen und schreiend herumzappelten. Sah Kinder, die einfach teilnahmslos herumstanden. Sah Mädchen, die anstatt zu malen, mit dem Wachsmalstift einfach ein Blatt nach dem anderen vollkritzelten.

Am Anfang war es nicht einfach und ich weiß nicht, wie oft ich mir gesagt habe, dass diese Art von Arbeit einfach nichts für mich ist, dass ich mir lieber etwas anderes suchen sollte….

Doch mit der Zeit wurde mein Spanisch besser, ich verstand mehr und ich sah, dass hinter dem Verhalten der Kinder in den allermeisten Fällen keine böse Absicht steht.

Natürlich gibt es auch wirkliche Störenfriede, die die anderen Kinder schlagen, das Essen stehlen oder immer, wenn man grade nicht hinsieht, aus dem Klassenraum rennen. Aber meistens sind es total liebe Seelen, die den weniger selbstständigen Kindern bei der Gartenarbeit helfen, sie zum Waschbecken begleiten oder aufpassen, dass auch jeder seine faire Ration beim Frühstück bekommt. Ich habe einige Kinder wirklich ins Herz geschlossen und werde ihre Energie sehr vermissen!

Manche Dinge waren auch schlichtweg faszinierend:

Wenn man z.B. merkt, dass das behinderte Mädchen, das immer unbeweglich auf der Schaukel sitzt, alle Namen und alle Geburtstage des Personals auswendig weiß. Mich hat sie ein einziges Mal gefragt und grüßte mich seitdem immer mit ,Linda! 19 de junio!

Oder dass der 18jährige Junge, von dem man anfangs dachte, dass er einfach Spaß daran hat zu schreien und zu zappeln, in Wirklichkeit alle Lieder im Radio kennt und in seiner Art und Weise mitsingt und -tanzt.

Oder das komplett unbewegliche Mädchen im Rollstuhl anfängt, aus voller Kehle zu lachen, wenn man ihr Bälle zuwirft…

Ja, ich durfte viel in diesem Jahr lernen, durfte viele neue inspirierende Bekanntschaften schließen und werde mit anderen Sichtweisen nach Deutschland zurückkehren. Das fängt mit der Dankbarkeit für viele Dinge an: Für die Bildungsmöglichkeiten, von denen andere Menschen nur träumen können, die gute wirtschaftliche Lage, aber auch für triviale Dinge wie stets warmes Wasser in der Dusche oder sogar aus dem Hahn (!) und so etwas wie Heizungen.

Zurückgekommen bin ich außerdem mit viel Energie und Lust auf einen neuen Lebensabschnitt! Das wird mit den Ausziehen anfangen, worauf ich mich schon sehr freue 🙂

Weiter geht es dann zunächst mit einem dreimonatigen Pflegepraktikum, bis ich im April endlich mit dem Medizinstudium anfange.

Im Nachhinein bin ich sehr froh, dieses Jahr gemacht zu haben und kann es, vor allem im Hinblick auf die persönliche Weiterentwicklung, nur weiterempfehlen! Danke an alle, die mich (und z.B. auch Josselyn) mit Spenden unterstützt haben oder einfach nur Interesse gezeigt haben.

Ich hoffe, es hat euch nicht zu sehr gestört, dass die Berichte so unregelmäßig kamen 😉

Liebe Grüße, jetzt wieder aus Deutschland,

Linda


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